Hinterhof-Phantasien

764. Tatort: Hitchcock und Frau Wernicke (RBB; EA: 24.05.2010)

Ermittler: Hauptkommissar Till Ritter (Dominic Raacke), Hauptkommissar Felix Stark (Boris Aljinovic); Kommissar Lutz Weber (Ernst-Georg Schwill)
Figuren: Irmgard Wernicke [Rentnerin] (Barbara Morawiecz), Robert Benkelmann [Weinhändler] (Hans-Jochen Wagner), Renate Müller [Krankenpflegerin] (Lotte Ohm), Timo [Zivi] (Robert Höller), Ella Leiser (Jenny Schily), Gernot Schuber (Steffen Münster), Sebastian Stark (Aaron Altaras)
Drehbuch & Regie: Klaus Krämer

Frau Wernicke, alt und alleinstehend, hat viel Zeit. Die verbringt sie gerne vor ihrem Wohnzimmerfenster. Von dort aus kann sie dem Treiben im Nachbarhaus zusehen. Und sie hat Unglaubliches beobachtet. Sie hat gesehen, wie der Weinhändler Benkelmann am frühen Morgen seine Frau um die Ecke gebracht hat. Die Kommissare, die anscheinend nicht viel zu tun haben, lassen sich auf die Geschichte der alten Dame ein und beginnen zu ermitteln. Seine Frau sei in den Urlaub gefahren; er habe sie am Morgen zum Bahnhof gebracht, gibt der Verdächtigte zu Protokoll.
Ritter und Stark geraten schnell an ihre Grenzen, denn es gibt weder eine Leiche noch eine Vermisstenmeldung. Daß die redeselige Rentnerin in der besagten Nacht “Das Fenster zum Hof” gesehen hat, lässt den Fall endgültig im Sand verlaufen. Ritter lässt sich abends von Frau Wernicke mit strammen Max verköstigen, Stark versucht mit ihrer Krankenpflegerin Lotte anzubandeln, und der brave Zuarbeiter Weber telefoniert nach Portugal, um wenig zu erfahren.
Es plagt sie das schlechte Gewissen, als die alte Frau nicht mehr zuhause ist. Die Ermittlungen werden wieder intensiviert. Nach intensiver Recherche finden sie sowohl die angebliche Leiche als auch Frau Wernicke wieder.

Wer ist der Täter? »

Der Weinhändler Benkelmann hat tatsächlich seine Frau umbringen lassen, um frei für seine neue Liebe Ella Leiser zu sein. Frau Wernicke finden die Kommissare in einem Krankenhaus, wo sie sich von einem Schwächeanfall erholt. Die Krankenpflegerin Lotte hat sie zunächst zu sich nachhause geholt, bevor sich ihr Gesundheitszustand verschlechterte.

Ohne Barbara Morawiecz, die eine liebenswerte Frau Wernicke verkörperte, wäre dieser Tatort vollkommen langweilig gewesen. Autor und Regisseur wollte wohl den Hitchkock-Klassiker in einen Berliner Hinterhof verlegen. Das ist ihm mehr schlecht als recht gelungen. So ist der Titel dieser Folge das beste an diesem Tatort.
(4,5/10)

Anhang
Hintergrund: Tatort-Fundus
Meinungen: Annabell, Fielitz & Tatort-Forum

(Bilder: rbb/Hans-Joachim Pfeiffer)

Der Duft der Kindheit

Mein Vater war ein passionierter Pilzesammler. So ging es, wenn Saison war, am Wochenende in die Schwammerl, wie man in Bayern so schön sagt. Das Pilzesuchen fand ich weniger spannend. Ich stand im feuchten Wald, zum Spielen gab es nicht viel, weil ich nicht zu den phantasievollen Kindern gehörte, die mit Tannenzapfen und Zweigen einen ganzen Nachmittag gedankenversunken verbringen konnten. Daß die besonders schönen Pilze besonders giftig waren, konnte ich auch nicht nachvollziehen. Aber er hatte wohl recht recht, denn wir haben diese Ausflüge folgenlos überlebt.
War der Korb nach vielen Stunden endlich voll, wurden Sohn und Ertrag nachhause gebracht. Mit Liebe zum Detail wurden die Pilze untersucht, gereinigt und zerlegt, bevor sie dann endlich in der Pfanne landeten.
Allmählich roch die ganze Wohnung nach bratenden Pilzen. Ich habe heute noch diesen Duft in der Nase. Kein in den Märkten erhältlicher Pilz kommt an dieses olfaktorische Erlebnis meiner Kindheit heran.

Leider kam es nicht dazu, das Wissen und die Leidenschaft an die nächste Generation zu vererben. So bleibt nur die Erinnerung an den Duft von Natur und Wildnis, an die kein Supermarkt-Champignon heranreichen kann.

(Bildausschnitt: pizzodisevo/Flickr)

Die Bibel als Fragment

Religiöse Aspekte erwähnt Trainer Baade beim alljährlichen Erwerb des kicker-Sonderhefts zur neuen Bundesliga-Saison. Als Heidenkind möchte ich eher von einem Ritual sprechen. Das Ergebnis ist aber identisch; je nach Glaubensbekenntnissen nennt man es anders.
Ich nenne es mal enttäuschend.

Seit 25 Jahren kaufe ich das kicker-Sonderheft, das sich in gewohnt staatstragender Haltung als “Das Original” anpreist. Inzwischen bin ich kein pubertierender Fußballfan mehr, der den Erscheinungstermin des roten Hefts nicht mehr erwarten könnte. Nicht, daß ich nach einer Weltmeisterschaft des Fußballs überdrüssig wäre. Ich hätte nichts dagegen, wenn die neue Saison am kommenden Wochenende begänne.
Aber ich mag keine Fragmente.
Als Fan des FC Bayern ist man Kummer gewöhnt, weil die Helden im Sommer nicht nur Urlaub machen, sondern auch bei Turnieren mitspielen. Sie steigen verspätet ins Training ein und versäumen somit natürlich den ersten Termin fürs Mannschaftsphoto. Die wegen der abwesenden Spieler lichten Reihen füllt der hoffnungsfohe Nachwuchs der 2. Mannschaft auf. Der Trainer und sein Funktionsteam, wie man seinen Stab heute nennt, machen gute Miene zum bösen Spiel und ärgern sich sowohl über die mangelden Zeit für die Vorbereitung mit eigentlichen Mannschaft als auch über verschwendete Minuten für dieses wirklich uninteressante Shooting. Star Appeal sieht anders aus. Es wird auch nicht besser, wenn man eines der umjubelten Mannschaftsbilder der letzten Meisterschaft alternativ im Heft veröffentlicht.
Aber es ist ja nicht nur der eigene Verein.
Der bis dato spektakuläreste Transfer des bisherigen Fußballadvents, der von Raùl Raul Raúl zu Schalke 04, findet weder auf dem Mannschaftsphoto noch in der Rubrik “Zugänge” Erwähnung.

So bleibt die Bibel nur ein Fragment. Die Investition von heuer 5,50 Euro ist nur der Anfang, weil man die Ergänzungshefte nur mit dem Erwerb einer der Montagsausgaben des Kicker bekommt. Die um die wirklichen Stars ergänzten Mannschaftsphotos bleiben aber auf der Strecke.
Daß man die vermeintlichen Analysen und Prognosen zu dem frühen Erscheinungstermin in die Tonne treten kann, ist ein journalistisch zu vernachlässigendes Detail.

So vergrößert sich die Vorfreude auf das 11 Freunde-Sonderheft, dessen Inhalt sich nicht an der vermeintlichen Tagesaktualität orientiert, sondern Texte beinhaltet, die man auch Jahre später noch lesen kann.

Die Bbel ist heute noch das meiste gelesene Buch.
Es liegt wohl auch daran, daß ihre Texte zeitlos sind.

Duisburg-Ruheort

Kurz nach 8 wurden früher nach den Nachrichten die Wasserstandsmeldungen durchgegeben. Wichtige für die Schifffahrt Orte und ihre Flüsse wurden durchgegeben. So auch Duisburg-Ruhrort. Ich habe als kleiner, damals nicht nur von geographischen Kenntnissen unbefleckter Junge immer nur Duisburg-Ruheort verstanden. Das fiel mir gestern wieder ein.

Im Gegensatz zur ehemaligen Tagesschausprecherin (wäre ich gläubig, würde ich ihr Blasphemie vorwerfen) und vielen anderen fühle ich mich nicht berufen, das furchtbare Ende der Loveparade mit meinem Unwissen anzureichern.
Neben vielen Spekulationen und noch mehr voyeuristischen Bildern gibt es auch Lesenswertes, das frei von Damönisierung und anderen Halbwahrheiten ist.

Es sollte eigentlich eine feucht-fröhliche Party geben, ich und 4 meiner Freundinnen hübschten uns auf, tranken etwas bei der einen Freundin die direkt in der Stadt wohnt und zogen dann los auf die vollen Straßen.
Auf dem Weg zur Parade selbst sammelten wir noch eine Freundin ein, wir witzelten, hatten Spaß, tranken ein wenig und freuten uns auf das Großereignis.

“Ich verstehe es nicht” (Julias Loveparade Blog)

Weil mir Twitter in solchen Momenten vorkommt, als würde niemand geschlossene Schuhe oder lange Hosen tragen, auch wenn der Anlass es vielleicht gebietet, einfach nur, weil man nicht muss. Aber so ein Gewissen, das einem manchmal sagt, was man muss und was nicht, täte dem einen oder anderen ganz gut hin und wieder.

“Niemals geschlossene Schuhe” (Elisabeth Rank)

Es ist interessant, dass wir bei keiner Tragödie ohne die Schuldfrage auskommen. Wir brauchen Terroristen bei Anschlägen wie Olympia 1972 oder beim World Trade Center 2001, gegen die man dann konternd einen sehr sichtbaren Krieg führen kann anstelle der realen komplexen und dekadenlange Dynamiken, die irgendwann zu bösen Konsequenzen führen, wir brauchen selbst bei Naturkatastrophen Verantwortliche, und seien es nur die gewählten Politiker, die dann nicht schnell genug reagiert haben oder nicht kompetent genug waren.

“Tod und Spektakel” (HD Schellnack)

Frau Herman, auf dem Planeten, den wir bewohnen, passieren immer wieder schlimme Dinge. Weil die Natur gewaltig ist, weil Menschen Fehler machen, Böses tun oder auch nichts tun. Diese Gelegenheiten, die für viele mit Schmerz, Verlust und Trauer verbunden sind, nehmen andere, die es selten selbst betrifft, oft zum Anlass, den Finger zu heben, um damit anklagend auf die Opfer zu zeigen – und anschließend gern gen Himmel.

“Frau Herman:” (Ingeborch Schubiak)

Nicht mehr und nicht weniger.

Gedränge am Tatort

Viel Rummel erwartet Kluftinger. (Bild: BR/Kerstin Stelter)

Gerüchte über einen neuen Tatort-Kommissar aus dem Hause des Bayerischen Rundfunks gab es schon länger. Daß daraus lange nichts Konkretes wurde, ist wohl auch dem ehemaligen Mitarbeiter des BR, Markus Söder, zu verdanken, der sich 2003 lauthals über die Darstellung eines fränkischen Kommissars in München beschwerte und eine Wiedergutmachungsfolge forderte. Die zuständigen Redakteure ließ dieser Vorwurf ziemlich kalt – sie ließen Stoibers Speerspitze der Franken als Prügelknaben stehen.
Stattdessen installierte man vor zwei jahren die Reihe “Heimatkrimi”, die mit “Freiwild. Ein Wüzburg-Krimi” einen viel beachteten Auftakt hatte. Es entbehrte nicht nicht einer gewissen Ironie, daß Thomas Schmauser, der damals den Watschenmann der Münchner Ermittler darstellte, nun den Kommissar Peter Haller spielte. Ein Jahr darauf wurde der erste Fall von Kommissar Kluftinger verfilmt. Offenbar traf man auch damit den richtigen Zuschauernerv.

Will man die Meldungen der Abendzeitung und des Tatort-Fundus nicht als Sommerloch-Ente abtun, wird Kniebundhosenträger Kluftinger zum Tatort-Kommissar befördert.

Was ist von dieser Entscheidung zu halten?
Die Zahl der Tatort-Kommissare ist in den letzten Jahren weiter gestiegen. Inzwischen wird in München, Frankfurt, Leipzig, Hamburg, rund um Hannover, Berlin, Konstanz, Ludwigshafen, Stuttgart, Kiel, Köln, Münster, Wien (und Tirol), Bremen und Saarbrücken ermittelt. Dazu gesellen sich dieses Jahr noch Wiesbaden und Luzern. 17 Teams klären also am quotenträchtigen Sonntag Abend Mordfälle auf und werden dabei noch von vier Ermittlern des Polizeiruf 110 unterstützt. Es herrscht ein dichtes Gedränge am Tatort.
Für den Bayerischen Rundfunk ist es natürlich lukrativer, einen prominenten, in 40 Jahren ritualisierten Sendeplatz zu haben, als im eigenen Programm gegen den ZDF-Samstagskrimi oder gegen Shows wie “Wetten dass” oder “Deutschland sucht den Superstar” anzusenden. Dennoch tun die Redakteure dem Allgäuer Kauz keinen Gefallen, ihn ins sonntägliche Rampenlicht zu schieben. Es ist ihm, wie man aus seinen Büchern weiß, viel zu grell. Der Hochkaräter muss sich neben vielen durchschnittlichen Krimis behaupten. Es werden jetzt schon zu viele Tatorte gezeigt, von denen inzwischen nur noch wenige wirklich überzeugen können.
Man gab sich mit der ersten Kluftinger-Verfilmung sehr viel Mühe, leider ist es nicht gelungen, die Stimmung, die in den Büchern ausgedrückt wird, adäquat umzusetzen. Fünf Bücher haben Volker Klüpfel und Michael Kobr inzwischen geschrieben. Es gibt also noch Filmstoff. Dennoch muss man befürchten, daß der Kluftinger verwässert wird, wenn die Romanvorlagen fehlen.
Dennoch ist es eine mutige Entscheidung, weil Dialektgefärbtes von einigen Zuschauer und vor allem Programmverantwotlichen abgelehnt wird. (Ich erinnere dabei gerne wieder an den verhinderten Tatort-Kommissar Trautmann.)

Die Verantwortlichen haben sich für die Quote und die Öffentlichkeit entschieden. Angesichts des wachsenden Rechtfertigungsdrucks durch die Rundfunkgebühren ist die Entschediung nachzuvollziehen. Allerdings fehlt mir der Mut zur Nische. Um es mit Kluftinger auszudrücken: Priml.

Bröckelnde Fassaden

34. Tatort: Tote brauchen keine Wohnung (BR; EA: 11.11.1973)

Ermittler: Kriminaloberinspektor Melchior Veigl (Gustl Bayrhammer), Kriminaloberwachtweister Ludwig Lenz (Helmut Fischer), Kriminalwachtmeister Brettschneider (Willy Harlander), Kriminalassistent Faltermayer (Henner Quest), Kriminlarat Härtinger (Hans Baur); Gastkommissar Böck (Hans Häckermann)
Besetzung: Josef Bacher (Andreas Seyferth), Rudi Mandl (Arthur Brauss), Mutti Mandl (Maria Singer), Opa Hallbaum (Wilhelm Zeno Diemer), Liese Hallbaum (Elisabeth Karg), Terry Hallbaum (Veronika Fitz), Geliebter von Terry (Günther Maria Halmer), Jürgen Hallbaum (Robert Seidl), Nadja Bacher (Mady Rahl), Ruth Bacher-Segova (Veronika Faber), Erwin Kramm (Holger Hagen), Frau Altmann (Herta Worell), Frau Kreipl (Hanna Burgwitz), Pröpper (Walter Sedlmayr), Streifenpolizist (Frank Keck), Erster Assistent (Manfred Ebel), Zweiter Assistent (Bernd Wiegmann) (sowie Jaspar von Oertzen, Franz Hanfstingl, Helmut Oeser, Walter Fiedler, Adolf Ziegle, Hans Pössenbacher, Willy Haibel, Helga Ballhaus, Hertha von Walter, Georg Blädel)
Drehbuch: Michael Molsner; Regie: Wolfgang Staudte

Im Lehel und in Schwabing begannen in den 70er Jahren die aufwendigen Wohnungssanierungen und einhergehenden Immoblienspekulationen, die im weiteren Verlauf alle innenstadtnahen Viertel umfassten. Vor diesem Hintergrund spielt “Tote brauchen keine Wohnung”.

Der Entmieter
Der Immobilenbesitzer Pröpper, skrupellos und zynisch von Walter Sedlmayr verkörpert, will seine Grundstücke im Lehel neu bebauen. Das gelingt ihm mehr schlecht als recht, weil sich seine langjährigen Mieter mit Demonstrationen und Anwohnerversammlungen öffentlichkeitswirksam dagegen wehren. Da kommt es ihm gelegen, daß der ehemalige Strafgegfangene Josef Bacher nach München zurückkehrt und eine passabel bezahlte Beschäftigung sucht. Der Hausbesitzer hat nun einen Assistenten, der ihm die Drecksarbeit abnimmt und mit Reparaturen die Wohnungen noch unbehaglicher macht. Pröpper quartiert ihn spontan bei bei der alten Frau Altmann ein, der er bei einem Auszug eine schöne Zwei-Zimmer-Wohnung in Aussicht stellt.

Der unkanalisierte Zorn
Dreh- und Angelpunkt der Proteste ist die Wirtschaft “St. Anna Vorstadt”, die von Rudi Mandl und seiner Mutter betrieben wird. Hier treffen sich die Anwohner, um ihren Unmut über die Praktiken Pröppers Luft zu verschaffen. Der Zorn erreicht einen neuen Höhepunkt, als sie sie erfahren, daß Frau Altman vergiftet wurde. Der Grundstückhai hat die alte Frau auf dem Gewissen.
Die Mieter haben zwar in Pröpper ein gemeinsamen Feindbild, aber ihre Interessen und Ansichten sind doch grundverschieden. Ressentiments gegenüber Farbigen, die Pröpper in seinen Häusern wohnen lässt, stehen junge Menschen gegenüber, die für ihren Lebensform Wohngemeinschaft bezahlbaren Wohnraum haben wollen. Aber andere Bewohner haben mit diesen Menschen ein gehöriges Problem, weil sie Sex-Orgien und anderen Sittenverfall in den anständigen Häusern befürchten.

Familien als bröckelnde Fassaden
NIcht nur die Fassaden der Häuser bröckeln, auch die in diesem Tatort gezeigten Familien biten kein harmonisches Bild. Josef Bacher ist in seinem Elternhaus nicht willkommen und bekommt zu spüren, warum ihn seine Mutter Nadja frühzeitig zur Adoption freigegeben hat. So kann man es auch als Rache auffassen, daß Bacher sich beim Hausbeitzer Pröpper verdingt. Zu den Nachbarn der toten Frau Altmann gehört auch die Familie Hallbaum, die in drei Generationen dort lebt. Der Opa kann sich nur schwer zwischen zwei Frauen entscheiden. Frau Altmann hat kein Geld, das die Familie so dringend benötigt. Aber die Konkurrentin Frau Kreipl schaut sehr genau genau aufs Geld und rationiert die Butter. Hallmanns Tochter Terry sucht eine Absicherung für sich und ihren Freund. Ihren Söhnen schenkt sie nur wenig Aufmerksamkeit, so daß sich Jürgen auf seinen Großvater fixiert.

Schwierige Ermittlungen
Oberinspektor Veigl und seine Assistenten müssen in der aufgehitzen Atmosphäre kühlen Kopf bewahren und auch in Richtungen ermitteln, die ihnen den Vorwurf einbringen, ihr Feindbild Pröpper zu schützen. Selber lange im Dunkeln tappend hört sich Veigl alle Seiten an. Seine besten Stellen hat dieser Tatort, als sich Pröpper und Veigl gegenüberstehen. Der zynische, auf Profit bedachte Hausbesitzer und der väterlich wirkende Ermittler zeigen zwei hervorragende Gegenpole.
Als Bacher in den Isarauen tot aufgefunden wird, reift in Veigl die Erkenntnis, daß er den Bewohnern nicht den gewünschten Mörder bieten kann.

Wer ist der Täter? »

Pröpper und Bacher haben sich die Hände nicht schmutzig gemacht. Der Hausbesitzer lässt weiterhin fragwürdige Reparaturen durchführen und kalkuliert Bauernopfer wie Bucher bewusst ein. Der 13.jährige Jürgen Hallbaum hat die Partnerin seines Opas vergiftet, weil sie nach dem wahrscheinlichen Auszug ausihrer Wohnung nur eine Zwei-Zimmer-Wohnung beziehen wollte. Jürgen sah darin keinen Platz für sich. Allerdings hat der bei der Toten einquartierte Bacher den Jungen beobachtet, wie er das Gift in die Zuckerdose gemischt hat.

Kraftvoll
“Tote brauchen keine Wohnung” ist ein kraftvoller Tatort, der mit Klischees und Überzeichnungen spielt. Das wenig Schmeichelhafte wird allerdings nicht nur an Pröpper deutlich, sondern auch an seinen Mietern, die über den Feind hinaus grundverschiedene Lebensentwürfe und Probleme haben. Das verhindert, daß die Darstellung Pröppers zulasten der Geschichte einseitig wird. Autor Michael Molsner griff ein aktuelles Thema auf und fand mit dem Lehel die passende Kulisse für diese Geschichte. Die Folge bleibt dennoch in ihrer Darstellung sehr derb. So derb, daß man beim Bayerischen Rundfunk nach der Erstausstrahlung wohl kalte Füße bekam. Es dauerte 19 Jahre, bis dieser Tatort erstmals wiederholt wurde.
(7/10)

Anhang
Hintergrund: Tatort-Fundus, Bayerischer Rundfunk, “Bierschaum an der Dackelschnauze” – ein Bericht über Veigls Dackel Oswald
Meinungen gibt’s im Tatort-Forum.
“Tote brauchen keine Wohnung” ist auf DVD erschienen.

(Bilder: BR/Foto Sessner)

Rechtzeitig kann’s a jeder – WM-Rückblick

Ja, zwei Wochen nach einer Fußball-Weltmesiterschaft mit einem Rückblick daher zu kommen, ist wenig originell. Noch belangloser wird ein Rückblick, wenn er nicht selbst geschrieben wurde.
Ist das so?
Nein.
Fleißige Twitterer sorgten für ein amüsantes Turnier.

Die WM hatte noch gar nicht begonnen, als @trainerbaade nach dem Champions League-Finale feststellte:

Joesph S. Blatter war also vollkommen abgemeldet, so daß innerhalb der 140 Zeichen das Turnier schamlos beginnen kommte.

Der Eröffnungsspieltag war bis auf den erfreulichen Umstand Eröffnung vergnügungsfrei. Nicht nur @hirngabel hatte andere Erwartungen:

@saumselig wurde zumindest als Vater zufrieden gestellt:

Das erste Spiel unserer Nationalmanschaft verleitete @spox zu dieser Erkenntnis:

Es muss beim Vorrundenspiel USA – England gewesen sein, als @vittenko verzweifelt die Runde bemühte:

Nordkorea spielte bei dieser WM auch mit; angeblich sogar live für seine Zuschauer daheim. Da bedurfte es sicher einiger Erklärungen für die Daheimgebliebenen, die nicht Claqueure im Stadion spielen durften:

Mario Gomez spielte eine eher untergeordnete Rolle bei diesem Turnier. Das bedeutet aber nicht, daß er nicht Thema gewesen wäre. Denn g_engel sah ihn sogar:

Daß eine WM auch 2.0 ist, stellte @Mellcolm fest:

Hitzig wurden Schiedsrichter-Entscheidungen diskutiert. Daß man sie auf das Wesentliche beschränken kann, hat @krogaw erkannt:

Danach ging es rasant ins Achtelfinale – gegen England. Der Gourmet @bosch kam nur bedingt auf seine Kosten:

Dennoch wurde das 4:1 gegen England gefeiert. Dabei vergaß @abspann nicht seine Großzügigkeit:

Das Tor konnte @heinzkamke jedoch so nicht stehen lassen. Schlimmer noch: er fühlte sich in die Bundesliga versetzt:

@SebWilk sah sich dagegen mit ganz anderen Problemen konfrontiert:

Die @spreewaldperle blickte nach diesem Spiel voraus:

@codeispoetry war die Demographie egal, er erzählte stattdessen einen Witz, der in im weiteren Verlauf dieses Turniers in verschiedenen Abwandlungen seine Runde machen sollte:

Zwischen dem Achtel- und dem Viertelfinale wurde die Bundesversammlung einberufen, die @gses nicht euphorisiert hat:

Die Bundesversammlung ging so weit, daß es @trainerbaade vor dem Spiel gegen Argentinien ein wenig mulmig wurde:

Zum Glück entdeckte @ZeundeGedacht seine patriotische Gesinnung:

Den grandiosen Sieg gegen Argentinien betrachtete @CarnageFlower aus Sicht der Albiceleste recht gelassen:

Zwischen dem Viertel- und dem Halbfinale haderte @stadioncheck mit der Berichterstattung im Fernsehen:

Während des Finales hatte @hirngabel ausreichend Zeit für Sprachspiele:

Einen seriösen Rückblick auf diese WM bietet Janus.

Mein herzlicher Dank geht an:
Trainer Baade, hirngabel, Saumselig, Spox, Vittenko, g_engel, Mellcolm, krogaw, Bosch, abspann, heinzkamke, SebWilk, spreewaldperle, codeispoetry, gses, ZuendeGedacht, CarnageFlower und stadioncheck

Renitentes Wahlvieh stößt auf

Als die ersten Gedanken, olympische Winterspiele nach München zu holen, öffentlich ausgesprochen wurde, konnte ich der Idee einiges abgewinnen. Inzwischen halte ich München 2018 für ein größenwahnsinniges und vor allem ignorantes Projekt.
Nachhaltige Impulse wie 1972 sind nicht zu erwarten, sieht man einmal vom Ausbau der Verkehrswege nach Garmisch ab.

Die Ignoranz dieser Bewerbung wird vor allem am Umgang mit den betroffenen Grundstücksbesitzern in Oberammergau und Garmisch-Partenkirchen deutlich. Anscheinend ist man davon ausgegangen, daß die Bauern, die ansonsten eine treue Wahlklientel sind, ihre Grundstücke ohne weiteres hergeben. Oberammergau hat man schon abgeschrieben. Während der Bewerbungsgeschäftsführer Willy Bogner, der sportliche Niederlagen nicht gewöhnt ist, seinen angedrohten Rücktritt mit höheren finanziellen MItteln für den Irrsinn als solchen belassen konnte, rekrutiert die Politik nun ihre ihre höherklassigen Zugpferde, um sich dann doch mal anzuhören, was das renitente Wahlvieh so bedrückt. Der Bürgermeister hat sich schon ins Abseits katapultiert, der Landwirtschaftsminister ist auch kein ernstzunehmender Diskussionspartner, also muss Horst Seehofer schon seinen Statthalter in der Staatskanzlei, Siegfried Schneider, in das Gehege der wütenden Bullen schicken. Es haben auch erst zwei von 80 betroffenen Grundstücksbesitzern (Audiodatei) ihr Gut dem Olympischen Geist temporär überschrieben.
Und dieser Protest ist nur ein Pars pro toto. Die Grundstücksbesitzer sind die ersten, die sich massiv in der Öffentlichkeit Verhör schaffen. Sie agieren vor allem in eigener Sache, sorgen aber dafür, daß das Opponieren gegen diese Bewerbung zumindest bundesweit wahrgenommen wird.

Diese Bewerbung erinnert fatal an die dilettantischen Versuche, die olympischen Sommerspiele 2000 nach Berlin zu holen. Benebelt von der guten Tat wird vergessen, daß man auch die Bevölkerung ins Boot nehmen muss. Bei Winterspielen wird ignoriert, daß weite Wege zurückzulegen sind. Das fördert zwar Wirtschaft und Verkehr, aber der (Un)Sinn wird nicht in Frage gestellt. Sportbegeisterte Kanadier täuschen darüber hinweg, daß man in Turin heute noch froh ist, das geplante Defizit um 10 Millionen Euro unterboten zu haben. Das finanzielle Vabanquespiel wird auch von den Münchner Rathausparteien gerne ausgeblendet. Das ist angesichts der Aufgaben wie dem gefährdeten Ausbau von Krippenplätzen schon grob fahrlässig und vor allem wenig glaubwürdig.
Neben den interessanten Oppositionsseiten wie NOlympia und NOlympia2018 gibt es einen interessanten Einwurf des Olympioniken Charles Banks-Altekruse in der New York Times, der für einen festen Ort, in der Schweiz, plädiert:

The Olympic Games are better than this. And there is one way to restore them to their original glory: create a permanent home for them.

This is not a new proposal. At the end of the 19th century, Greece petitioned to permanently host the Games. The Greeks resurrected the idea in 1980 following the Moscow boycott, and the International Olympic Committee set up a panel to discuss it. In 1984, after the Los Angeles boycott, the United States Senate passed a nonbinding amendment sponsored by Senator Bill Bradley, Democrat of New Jersey and a former Olympic basketball player, calling for future Olympic Games to be held at a permanent site “suitable for insulating the Games” from “unwarranted and disruptive international politics.”

(Bild: NOlmpia.de)

Nicht schweben in Wuppertal

Wuppertal ist eine Reise wert. Nur dort kann man durch die Stadt schweben.
Der Ruf des sichersten Verkehrsmittels hat vor ein paar Jahren ein paar Kratzer bekommen, was die Faszination für die Schwebebahn nicht schmälert.
Seit einigen Jahren wird die Schwebahntrasse von Grund auf erneuert. So auch dieses Jahr, deshalb verbringen die Fahrzeuge die Sommerferien im Depot. Das ermöglich aber faszinierende Bilder, wie das oben. Das Tal-Journal dokumentiert in aller Ausführlichkeit die Bauarbeiten, die nicht nur schweres Gerät erfordern.

Bilder vom Schwebebahnausbau in Wuppertal

(Bild: Jan Niko Kirschbaum)

Stelle

Seit über zwei Jahren schaut diese Stelle anders aus, weil die die letzte Meterspurlinie in Stuttgart umgespurt und auf Stadtbahnbetrieb umgestellt wurde. Im Sommer 2005 deutete hier noch nichts auf den Umbau hin.
Impressionen von der Linie 15 mit den formschönen GT4-Zügen gibt es hier.

Pages: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 ...99 100 101 Next