Ich dachte, ich wäre über dem Berg.
Ich dachte, ich hätte das Joch überwunden.
Nein, das hoffte ich viel mehr.
Aber ich dachte, ich könnte es kaschieren.
Vor anderen. Vor mir.
Aber mit dem Denken ist es so eine Sache.
Ich bin nicht so weit, wie ich es mir ausgedacht habe.
Gefühle lassen sich nicht austricksen. Oder nur kurz.
Wahrscheinlich bin ich dennoch weiter, als ich es mir vor einem Jahr gedacht hätte.
Ich kann zumindest darüber schreiben.
Das Reden darüber fällt mir schwer. Sehr schwer. Immer noch.
Ich dachte, daß ich weiter bin.
Daß ich weiter bin, über meine Krankheit zu sprechen.
Eine Krankheit, die sich anscheinend auch nach einem längeren Klinikaufenthalt nicht heilen lässt.
Auch nach, wie man im Ärzte-Jargon gerne so sagt, „günstiger Prognose“.
Aber das ist eben keine Garantie.
Es wäre auch zu schön gewesen.
Nein, meine Medikamente habe ich nicht abgesetzt.
Ich nehme sie brav weiter.
Aber bringen sie mir etwas?
Verlasse ich mich zu sehr darauf?
Ich weiß es nicht.
Sie werden zum Selbstläufer wie der notwendige Kaffee am Morgen.
Ich kann bewusster genießen.
In vollen Zügen.
Ich kann das Genießen genießen.
Gastfreundschaft genießen, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben.
Aber nur, wenn ich mich ihr hingeben kann.
Was Vertrauen voraussetzt.
Was mir immer wieder entgegengebracht wird.
Und dann bekomme ich Angst vor meiner Distanzlosigkeit.
Für die ich mich dann wieder schäme.
Karneval ist ja nicht weit.
Und an der der unbeobachteten Ecke grinst mich das schlechte Gewissen an.
Zurecht.
Ich dachte, daß das ein Weg ist.
Ich dachte, daß ein Wunsch Geschichte sei.
Aber er es ist nicht.
Er ist größer, denn je.
Er liegt zehn Jahre zurück.
Ich versuche mich dagegen zu wehren.
Sehnsucht!
Oder Flucht?
„Du haust vor Deinen Problemen ab!“
„Das kannst Du nicht machen!“
Ja!
Nein!
Es geht mir gut!
Es geht mir schlecht!
Wie geht es mir eigentlich?
In mir ist alles so unstrukturiert.
Seit Tagen.
Seit Wochen.
Ihr habt mir so gutgetan!
Köln! Nippes, Kalk, Weiden-Pesch!
Düsseldorf!
Solingen!
Wuppertal!
Buchteln!
Ihr wart so – ja, wie soll ich das ausdrücken?
Warm, ehrlich.
Ja, vielleicht auch unverbindlich.
Oder unverbindlicher, als Ihr es tatsächlich seid.
Wärmer. Empathischer.
Ja, auch unverdorbener. Zumindest für mich.
Vielleicht knabbere ich daran.
Mache ich mir etwas vor?
Ist der Wunsch nicht mehr als eine geplante Flucht?
Ziehe ich die scheinbar leichte Ferne der schweren Nähe vor?
Muss ich wirklich das Millionendorf verlassen, um eine Millionenstadt kennenzulernen?
Muss ich wirklich das Millionendorf verlassen, um mich kennenzulernen?
Ich will das Millionendorf verlassen, um etwas neues kennenzulernen.
Schönheit ist relativ.
Ich will das Millionendorf verlassen, um mich neu zu erfahren.
Viellicht sogar um wirklich kennenzulernen.
Ich dachte, ich hätte nur Angst vor dem 30. Geburtstag.
War ganz schlimm.
Nix für Anfänger.
Ich dachte, der bevorstehende Vierzigste könnte mir nix anhaben.
Kann er auch nicht.
Es ist nicht die Zahl.
Ich dachte, ich könnte ihn überlisten.
Sieben Monate habe ich noch.
Um mir und ihm ein Schnippchen zu schlagen.
Und wenn ich ihm nur sage, daß mir die Vier so scheißegal ist.
Ist sie mir auch.
Es wäre schön.
Denke ich.
(Screenshot: 
Bild:
Roy Orbison: You Got It















Mit einem Holzlöffel kleine Teigstücke abstechen, auf der Hand zu einer


Fremdneurosen